Zwanzig Cent Kurzgeschichte

Zwanzig Cent 

Vor der Bücherei kam ihr ein Mann entgegen. Locken bis zur Schulter. Jeans. Turnschuhe. Ende dreißig, Anfang vierzig schätzte sie ihn. Er nuschelte und schaute sie nicht an. Als würde er irgendwen meinen.

Vera fühlte sich nicht angesprochen und ging weiter. Noch  zehn Minuten, bis geöffnet wurde.

»Haben Sie mal zwanzig Cent für mich?«, fragte er leise.

Vera schaute ihn genauer an. Nur kurz. Sekundenbruchteile, die ausreichen, um Urteile zu fällen. Ungepflegt war er nicht, etwas schlampig vielleicht, aber nicht heruntergekommen. Die Jeans war zu weit und knitterig, aber sauber. Wurde wahrscheinlich in einem Billigdiscounter gekauft. Dort, wo sich auch jemand mit wenig Geld so kleiden konnte, dass man ihm die Armut nicht ansah.

»Nein«, antwortete sie, und das stimmte sogar. Sie mochte diese Belästigungen nicht. Bettler, Aufschwatzer, Mitgliedswerber, Telefonverkäufer, alle nur penetrante Widerlinge. Obwohl – dieser hatte sie nicht belästigt, er hatte leise gefragt.

Vera setzte sich auf die Bank vor der Bibliothek, dicht in seiner Nähe. Noch sieben Minuten bis zur Öffnung.

Zurückgehen und ihm Geld geben? Er tat ihr Leid, aber sie hatte nur zwei Euro, und die brauchte sie selbst. Es war Monatsende. Es reichte noch für Kartoffelpüree und Tiefkühlgemüse. Alles in einen Topf geben, das sparte Strom und ergab eine sämige Suppe für zwei Tage. Kartoffelgratin würde besser schmecken, klar, aber wozu fast eine Stunde den Backofen betreiben?

Er sah nicht wie ein Wrack aus. Beim Gehen federte er vom Boden ab. Seine Haltung war aufrecht. Zwei Tüten mit dem aufgedruckten Logo eines Ladens trug er in der Hand. Sie klapperten vorher nicht, also waren keine Dosen drin. Vielleicht aber alles, was ihm gehörte.

Was war ihm durch den Kopf gegangen, als sie seine Frage verneint hatte? Ablehnung war er sicher gewöhnt. Vera schaute immer wieder in seine Richtung. Er könnte Arne heißen oder Romeo. David oder Lanzelot. Weich fielen seine braunen Locken auf den Blouson. Ein Typ wie Arlo Guthrie. Bob Dylan. Heath Ledger. Er hatte keinen Hintern in der Hose, wirkte auch nicht ausgemergelt. Junkies waren meistens dürr und schlichen wie Schlaftabletten durch die Gegend.

Er lief nur hin und her. Sobald ihm jemand begegnete, quatschte er ihn an. Dreißig Meter hin und her, denselben Weg hin und zurück, wie ein Gejagter. Wie Beute auf der Flucht, aber ein Jäger war nicht zu sehen.

Sollte sie zu ihm gehen und ihm die zwei Euro geben?

Wozu brauchte ein Mensch zwanzig Cent? Zu wenig für eine Dose Bier. Einen Laden gab es sowieso nicht in der Nähe. Wollte er telefonieren? Wenn es so dringend gewesen wäre, hätte er das gesagt. Wem würde schon jemand zwanzig Cent für ein dringendes Gespräch verweigern?

Die Leute blieben nicht stehen. Gingen ihm gleich aus dem Weg. Zwanzig Cent, zwei Zehner, vier Fünfer. Keiner hatte sie.

»Hey, wozu brauchst du zwanzig Cent? Was ist los mit dir? Hast du Probleme?« Sollte sie ihn das nicht doch fragen?

Vielleicht war er in einer Verhaltenstherapie, überlegte Vera. Die Übung hieß:  Zwanzig Cent erbetteln. Rein in die Menge, Kontaktängste überwinden. Direkte, offensive Konfrontation. Fünfzehn Minuten eine ungenehme Situation durchstehen. Sich unter Umständen dabei auch lächerlich machen.

Fünfzehn Minuten. Immer derselbe Weg, hin und her. Wie ein Löwe im Käfig. Hospitalismus.

Schöne Locken hatte David. Wie sie sich wohl anfühlten? Wie sich überhaupt der ganze David anfühlte? Jung, mit frischer, glatter Haut. Fünfzehn Jahre jünger als sie, vielleicht auch nur zehn.

Balsam für die Seele, mit einem Mann wie David gesehen zu werden. Wenn sie ihn aus der Hülle befreit, ihn gesellschaftsfähig gemacht hätte. Erstmal ein Bad. Sowieso, für alle Fälle. Ein Aidstest auch. Vorsicht musste sein.

Die Liebe würde ihn heilen, ihre Hände auf seinem jungen Körper würden ihn heilen. Seine jungen Hände auf ihrem Körper würden sie heilen. Gegenseitig würden sie sich heilen. Jeden Winkel, jede Falte, jede Erhebung und jede Vertiefung ertasten. Stunden voller Leidenschaft. Liebe wie im Rausch. Es war noch nicht zu spät. Für Beide noch nicht. Sie würde ihn aufpäppeln, endlich die Sinnlichkeit wiederentdecken. Sie würden sich jeden Tag verwöhnen.

Er würde ihr das Lachen zurückgeben, das sie schon lange verloren hatte. Dieser junge Gott.

Zwanzig Minuten waren vergangen, nichts war passiert, niemand war stehengeblieben.

Das Essen schmeckte ihr auch nicht mehr. Wie überhaupt alles keinen Spaß mehr machte, so allein.

Geld? Viel hatte sie auch nicht, aber es würde schon reichen. Betteln würde sie nicht. Seine Jugend war alles, was sie brauchte.

Dreißig Minuten. Vera stand auf und ging in die Bücherei. Er hatte auch die ganze Zeit nicht zu ihr hergeschaut, nicht rechts, nicht links, Als wäre er in einem Tunnel. Aber warum hätte er sie ansehen sollen? Sie, die ihm zwanzig Cent verweigert und ihm nicht geholfen hatte.

Ob er später noch immer dort herumlief?

Feb. 2012 ©copyright LikaYorden


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