Blog-Archive

#SampleSunday – noch eine kleine Leseprobe aus ‚Total verkannt bis ganz zuletzt‘

Leseprobe aus Liebesgeschwüre im Blackforest:

Es wurde Zeit, dass er Merriänns Kopf, der seinen um einiges überragte, wieder zurechtrückte.

»Wie heißt er überhaupt?«, bohrte Jantje.

Aber Merriänn verweigerte die Aussage und wollte schnell ins Hotel. Nur die Androhung von Polizei hielt Jantje ab, diese Frau ohne seinen männlichen Schutz allein gehen zu lassen.

Sehnsucht ist der Liebesflüsterer, und so war es auch bei Jantje, je länger das Treffen mit Merriänn zurücklag, schon bald eine Woche, desto stärker wurde sein Verlangen nach ihr. Die Vorstellung, sie in den Armen dieses Liebeskaspers zu wissen, quälte Jantje Tag und Nacht. Die Spermienproduktion lief auf Hochtouren, und die kleinen Wilden gelüstete es nach einem Wettschwimmen hin zur Eizelle. Denn plötzlich gesellte sich zum Wunsch nach Frau und Ruhm noch der nach einem Erben hinzu. Doch an dieser Stelle müssen wir der Fairness halber berichten, dass die kostbaren Erbgutträger vor Ungeduld fast immer in der Unterhose versiegten.

Mutter Antje verweigerte bereits die Nahrung und kochte für Jantje nicht mehr die geliebten Käsegerichte. Ihr Spitzenhäubchen hing ungebügelt und ungestärkt vom Kopf herunter. Ihr Allgemeinzustand ließ das Schlimmste befürchten und zwang Jantje zum sofortigen Handeln.

Merriänns Aufmersamkeit konnte Jantje nur durch einen Frontalangriff mit null Möglichkeit zum Rückzug erregen. Zum Beispiel in einer Live-Show wie ‚Karina tut alles für Euch.‘ Die fand jeden.

Bis zum letzten Moment wusste Merriänn nicht, wem sie die Einladung zu verdanken hatte. Sie erwartete Klassenkameraden, Freunde aus Kindheit und Jugend, Verwandte aus Amerika, Lehrer, denen die Einserschülerin im Gedächtnis haften geblieben war. Ihr Blick klebte an der Flügeltür, die sich jeden Augenblick öffnen würde. Sie hielt sich mit beiden Händen die Augen zu, als sie sah, wer hereinkam.

Während des Fernsehauftritts stakste Jantje vorwärts, am linken Arm die Hand seiner Mutter Antje und fünfzig Papageientulpen darin und im rechten einen Käselaib, welcher ihm plötzlich herunterfiel und fortrollte. Jantje stolperte über sein eigenes Bein, taumelte, versuchte mit den Blumen das Gleichgewicht auszuloten und den Laib zu fassen, wobei er mitgerissen wurde. Dabei flogen die Blumen durchs gesamte Studio. Der Käselaib drehte sich auf seine platte Seite, und Jantje landete zeitgleich mit Mutter Antje bei Merriänn, den Laib mit beiden Armen umklammernd und auf ihm liegend.

Alle Kameras waren auf sie gerichtet, und sie kreischte laut, als er da vor ihr lag. So unglücklich fand er seine Stellung nicht mehr, zwar schmerzhaft, aber nur so konnte er ohne Umschweife sein Anliegen äußern. »Werde meine Frau. Du oder keine.«

»Wie peinlich! Ich glaub, ich muss mich übergeben«, Merriänn sprang auf, hielt die Hände vor den Mund und rannte zum Ausgang.

»Das sind die Hormone. Sie ist völlig beeindruckt«, parlierte Jantje selbstbewusst mit seinem entzückenden Akzent. Das Publikum war hin und weg ob dieser romantischen Geschichte, die den Duft des Märchens trug. Auch im Märchen schlug das Herz des Schicksals stets für die Schwachen.

Klatschen, Hurrarufe, Tasten nach den Taschentüchern.

»Ich will den nicht!« beteuerte Merriänn, als sie sich gefangen hatte.

Ein Unwetter aus Buhrufen, Pfiffen und Fußgetrampel prasselte auf sie nieder, und Karina nahm sie ins Kreuzverhör. »Warum nicht? Manch eine wäre froh, wenn ein Kerl um sie so ein Aufhebens machen würde.«

»Ist es um die Männerwelt so schlecht bestellt, dass ich jeden nehmen muss?«

»Er liebt dich von ganzem Herzen.«

Mutter Antje schaltete sich ein. »Er denkt schon ans Sterben. Ohne sie will er nicht mehr.«

»Das wird das Herz meiner armen Mama brechen«, wimmerte Jantje. Heftiger Protest aus dem Publikum und Merriänn befürchtete Lynchjustiz.

Jantje pulte eine Rasierklinge aus der Hosentasche – eine rostige natürlich, die er eigens für diesen Zweck irgendwo aufgetrieben hatte. »Sag Ja! Oder ich tu es sofort.« Die Emotionen des Publikums drohten den Rahmen zu sprengen. Sie sprangen von ihren Sitzen auf und schrien: »Mörderin! Herzlose Furie! Schlampe!«

»Der kann mich doch nicht erpressen!«, wehrte sich Merriänn verzweifelt, doch Karina fuhr ihr sogleich über den Mund. »Du siehst, was die Leute hier von dir halten.«

Merriänn überstand die Sendung nur, weil sie sich sagte: ‚Augen zu und durch‘ und ‚Hauptsache, von meinen Freunden guckt keiner diesen Schwachsinn. Mein Leben wird nie mehr wie vorher sein, es sei denn, ich unterziehe mich einer Gehirnwäsche.‘ Sie sann nach einer Lösung, dieser lästige Verehrer ging ihr auf die Nerven.

»Gut, wenn du mich haben willst, löse erst eine Aufgabe. Umsonst kriegt mich keiner.«

Jantje nickte und griff nach ihrer Hand.

»Lebe ein halbes Jahr im Blackforest.«

Der Bürger des flachsten Landes der Erde würde in den Bergen jämmerlich zugrunde gehen, glaubte sie fest. Wenn nicht, gab es Wege und Möglichkeiten, ihn dort spurlos zu beseitigen, den Verrückten.

Das eBook gibt es zurzeit als kostenlose Werbeaktion bei Amazon Kindle Select

Humor, Satiren, Grotesken,

Advertisements