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Das Phänomen der Wortverweigerung

Worte haben Macht. Das wissen wir, und darüber müssen wir nicht diskutieren.

Dabei kann es leicht zur Wortverschwendung kommen. Zu rhetorischen Ergüssen – von Mimik und Gestik untermalt,  deren Inhaltsqualität bei Null Prozent liegt. Dieses Modell ist in der Politik sehr häufig zu beobachten.

Schon länger beobachte ich das Phänomen der Wortverweigerung. Oder Wortvorenthaltung. Reduktion der Kommunikation aufs Nötigste. Im alltäglichen Leben verweigern Menschen anderen Menschen Worte. Denn Worte bedeuten Macht. Wortverweigerung ist ebenfalls Macht.

Bei Ämtern, Behörden, in Arztpraxen und sogar im heimischen Supermarkt wird dieses Verfahren gerade erfolgreich getestet. Da es sich so gut bewährt, kommt es dauerhaft zum Einsatz. Es verursacht keine Kosten und hält die Bevölkerung bewusst dumm.

Bitte verwechseln Sie die Verweigerung nicht mit den Situationen, in denen uns vor Schreck die Worte im Hals stecken bleiben. Oder vor Verwunderung.

Die Verkäuferin an der Käsetheke möchte gar nicht mehr wissen, ob die alte, kranke Dame 600 g Leerdammer geschnitten haben möchte, sie setzt voraus, dass sie ihn am Stück möchte. Sie setzt das Messer gleich am Käselaib an, bevor Omi ihren Wunsch zu Ende formuliert hat. Mit Blick auf die wartende Schlange und wegen der heutigen personaltechnischen Probleme erledigt sich die Frage, die gar nicht gestellt wurde, von allein. Da also sind die Menschen, die motiviert, dynamisch und froh über einen Arbeitsplatz sind. Schweigsam sind sie oft, als würde ihre Energie bei anderen Dingen verpuffen. Zum Beispiel bei der Frage, die völligen Einsatz und Elan bedeutet: „D a r f   e s  n o c h   e t w a s   m e h r  s e i n?“

Nehmen wir den Sachbearbeiter/Kundenberater im Amt Soundso, der uns am Schreibtisch gegenüber sitzt, gelangweilt unsere Daten am PC eingibt, uns bohrt und festnagelt mit seinen penetranten Fragen, aber seine Informationen nur auf das Notwendigste beschränkt. Oh, wie wundervoll ist Macht. Geistiger Kaviar schlechthin.

Der Sachbearbeiter ist zur Auskunft verpflichtet, und er gibt auch Auskunft. Nicht mehr und nicht weniger, er hält sich an Vorgaben, er bekommt schließlich keine Wortprovision. Er macht sich nicht strafbar, wenn er seinem Klienten oder Kunden Ratschläge vorenthält. Sein Selbstvertrauen leidet auch nicht, wenn ihm als ausgebildeter Fachkraft  von seinem Gegenüber mit der Sachlage auf die Sprünge geholfen wird.

Im medizinischen Bereich ist es nicht besser. Fachangestellte werden nicht  nach Wörtern bezahlt. Sie sind so schweigsam, dass ich mittlerweile glaube, sie beschützen die Ärztin/den Arzt. Vor der Belästigung durch den Patienten? Wörter lassen sich schwer abrechnen, so lange es an einer Wortzählmaschine fehlt.

Solche Fragen wie: ‚Haben Sie die OP gut überstanden?‘, ‚Wie geht es Ihnen heute?, Haben Sie sich in der REHA gut erholt?‘, Wie fühlen sie sich?‘, wird man selten hören, sie sind leider nicht automatisch mit der Praxisgebühr vergolten. Ohnehin kennen die Mitarbeiter an der Rezeption die Kranken nicht mehr persönlich und hören dessen Leidensgeschichte gern ein zweites und drittes Mal. Nur in Stichworten natürlich. Eine Arztpraxis ist heute mehr und mehr als Flughafen Terminal zu verstehen.

Der Hausarzt weiß nichts vom Facharzt, der Facharzt weiß nichts vom Hausarzt, der Patient erzählt bei jedem Arzt die gleiche Geschichte wieder von Anfang an, obwohl die Berichte bei jedem liegen.  

Überall das gleiche Spiel. Man rennt von einer Stelle zur anderen. Telefoniert mit jenem und diesem. Stattdessen vergrößert sich der Verwaltungsberg. Vielleicht sagen Akten und PC Daten mehr aus für Ärzte und Sacharbeiter, als Augen und Allgemeinzustand eines Kranken oder die Erzählungen eines Kunden.

Wortverweigerung ist nicht strafbar, wodurch sie sich von Lüge, Betrug oder Beleidigung unterscheidet.

Der Vorteil des Schläfers

Wie hätten wir den 11. September verhindern können? Wie die Bluttat von Norwegen? Wie den Tod von Amy Winehouse?

Fragen nur mit dem Zweck, einen Schuldigen zu finden, der mitverurteilt werden kann. Die krankhafte Suche nach dem Verantwortlichen.

 Was hätten wir tun können? Nichts! Niemand kann an allen Orten der Welt gleichzeitig sein, um Terror, Tode und Selbstmorde zu verhindern. Die passieren dort, wo sie am allerwenigsten vermutet werden, weil der Fokus auf andere Orte gerichtet ist. Wenn es Botschaften gibt, werden sie überhört.  Signale werden ignoriert.

Spätestens seit Natascha Kampusch und Josef Fritzl weiß jeder, dass das Dunkle wie in einer Parallelwelt neben dem Alltäglichen unbemerkt existieren kann. In der Stadt und auf dem Land. Um dem vorzubeugen, müssten regelmäßig Hausdurchsuchungen durchgeführt werden.

Kein Wunder, dass Anders A. Breivik ungehindert seine Taten planen konnte.

Ein Breivik wohnt in jeder Stadt, er ist ein Schläfertyp. Manchmal ist er organisiert, manchmal allein. Der Hass auf irgendeinen Feind schläft oder richtet sich gegen sich selbst. Alkohol und Drogen, Suizidversuche sind einige Möglichkeiten, einem verhassten System zu entkommen, auch wenn sie dieses nicht ändern, so ändern sie wenigstens den Blick.

Manchmal spielen sich Taten nur im Kopf ab und bleiben auch dort. Viele  Hasser sind froh, wenn andere die Arbeit erledigen.

Ein Schläfer ist wie eine Maschine, die nach Regeln funktioniert. Sein Zorn muss sich nicht sofort entladen, er braucht keinen Impuls, keinen Trigger.  Seine Stärke ist Selbstdisziplin. Er fällt nicht auf, lebt normal und unauffällig. Andere finden ihn nett. Er hat oft Familie und Kinder oder ist der hilfsbereite Nachbar. Er regt sich nicht auf, sondern schweigt. Er genießt die Verwaltung der Zeit und Geduld wie guten Cognac und wartet dabei nur auf den Weckruf.

Das unterscheidet ihn noch vom zornigen Staatsbürger, der immer mehr versklavt wird und ein schnelles Ventil braucht: ein Saufgelage, einen Zerstörungszug durch Straßen oder eine Schlägerei. Mancher verprügelt Frau und Kinder.

Der gefährliche Cocktail aus Politikverdrossenheit und Verbürokratisierung, Entmündigung und Entwürdigung, sowie erhöhter Gewaltbereitschaft wird auch hier eines Tages ausreichen, um Schläfer zu wecken.

Man kann es noch jeden Tag verhindern.  

2011 – Schlagzeilen in Serie

Das Jahr hat schon in der ersten Hälfte seine Schlagzeilen gehabt:

Erdbeben, Tsunami, Fukushima,

EHEC,

auch Vulkane spuckten wieder.

Schirme wurden auch gespannt, auch wenn sie weder gegen Sonne, Schnee, Hagel noch Regen schützen.

Und als es wieder langweilig wurde und die Medien uns mit merkelschen Portraits und Grimassenschneidereien verwöhnen wollten, aber nur ermüdeten, als die Weltbühne schon wieder im Sommerloch versinken wollte, da passierte  eine Tragödie in Norwegen. Eine Bombenexplosion in Oslo und ein Blutbad auf der Insel Utøya, bei dem nach aktuellem Stand fast 100 Menschen ums Leben kamen.

Die Vorgehensweise des mutmaßlichen Täters passt nicht zu dem üblichen Täterprofil, welches schnell bei solchen Anschlägen zur Hand ist.

Gerade, weil auch die Hauptstadt Oslo durch eine Bombenexplosion betroffen war, wurden zunächst Islamisten verdächtigt. Islamisten krönen ihre Tat fast immer durch Selbstmord. Dieser verhindert gleichzeitig, dass man ihnen Geständnisse mit Gewalt abnimmt. Das befürchtet der  Täter vermutlich nicht, ihm scheint völlig egal zu sein, dass er schnell gefasst wurde und vielleicht die nächsten Jahrzehnte hinter Gittern verbringen wird.

Sofort tun sich die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele auf, die steigende Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit, mit der immer mehr Täter vorgehen. Die emotionale Kälte, die insgesamt auf der Welt erschreckend zunimmt. Nur eins passt diesmal  nicht: Er sieht aus wie der nette Nachbarsjunge, fiel bis kurz vor seiner Aktion nie besonders auf, weder positiv noch negativ. Ein Typ, mit dem eine Tochter durchaus zuhause erscheinen kann.

Die Tatsache, dass jemand über Dreißig noch bei seiner Mutter lebt, mag manchen vielleicht verstören, aber das macht ihn nicht zum Kriminellen.

Nach und nach werden neue Details bekannt. Demnach sei der Mann  rechtsextrem gewesen, aber liefert das schon einen Grund, fast 100 Menschen, Jugendliche,  brutal niederzumetzeln?

Die Frage nach dem Motiv des 32jährigen bleibt also.