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#SampleSunday – Irrtum

Irrtum

Es begann schön mit ihm, sie war noch jung. Da begegnete er ihr. Zeitlos, geboren am frischen Weltenmorgen. Ein teuflischer Verführer.

Er half ihr, die Welt zu erobern, die Liebe. Bat sie zum Tanz in göttlichen Sphären. Er schaute nicht auf ihr Äußeres, denn er war nur auf der Jagd und warf seine Angel nach jedem aus. Er erschien ihr im schönsten Licht und schmückte sich mit vielen Farben.

Viele hatten sie vor ihm gewarnt, sie lachte nur darüber. Was konnte er ihr schon anhaben? Der unerschöpfliche Kredit ihres Lebens war nicht mal zum Viertel verbraucht. Oh, wie hatte sie ihn im Griff. Benutzte ihn, wenn ihr danach war, beachtete ihn tagelang nicht, spielte Spiele mit ihm, in denen sie immer Sieger war.

Irgendwann wurde daraus mehr, Abhängigkeit. Schwäche. Sorgen – gleich einem unbezwingbaren Berg. Da öffnete sie die Pforten zum eigenen Selbst, um ihn hereinzulassen, dass er sich dort für immer einniste.

Er ließ sie die Welt durch einen Schleier sehen, schenkte ihr Müdigkeit in vielen Nächten voller Bewusstheit und Angst. Er füllte sie und half ihr viele dunkle Jahre überstehen, ohne zu fordern. Das konnte warten. Er war sich ihrer sicher. Wie bei jedem seiner Opfer.

Manchmal, wenn er nicht bei ihr war, spürte sie Leben in sich und neue Kraft. Aber er überwältigte sie immer wieder aufs Neue, senkte sich immer wieder wie eine dunkle Wolke auf sie herab, erdrückte sie mit seiner Macht. Sie sehnte nicht selten den Tod herbei.

Er hat nichts umsonst gegeben, sie muss zahlen. Die Waage schlägt zu seinen Gunsten aus. Die Sucht nach ihm ist Qual geworden. Wärme kann er nicht mehr geben. Nur Zittern und Frost.

Im Leben ist Klarheit gefragt, und genau da ist das Problem. Er hat sich aufs Trübe, aufs Verschleiern spezialisiert. Ein Blender und Gaukler.

Die Zermürbung schreitet voran.

Er fordert einen hohen Preis. Sie.

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