#SampleSunday – Leseprobe

Die Kastanie

Sein wacher Geist stellte sich auch jene Frage: Ist mein Schicksal die Sühne einer Tat? Eine Strafe? Muss ich so leben, weil ich in einem anderen vorherigen Leben große Schuld auf mich geladen habe? Es kann nicht nur ein Leben geben, das wäre aufs Höchste ungerecht. Sehr ungerecht, wenn es Menschen gäbe, die gesund und zufrieden lebten, während andere litten. Erzählt mir nicht, dass jeder leiden muss. Es ist gelogen. Manche kriegen im Leben alles geschenkt. Erzählt mir auch nicht, dass jeder sich sein Schicksal selbst aussucht. Wer verbringt freiwillig sein Leben im Rollstuhl?

Das uralte Spiel der Welt – Werden und Vergehen. Tod oder Leben. Wer zog an den Fäden? Vermutlich keiner. Und deshalb konnte auch keiner zur Rechenschaft gezogen werden, für das, was tagtäglich passierte. Entsetzliche, grausame Dinge. Warum? Nur weil es das Gesetz des Seins so verlangte? Keine Antwort stellte ihn zufrieden, keine Religion spendete Trost. Denn sie wussten ja alle nichts, der Professor nicht mehr als der Müllkutscher. Der Tiefseetaucher genau soviel wie der Raumfahrer und der Gesunde nicht weniger als der Kranke. Das letzte Geheimnis blieb jedem für immer verschlossen, selbst wenn das ganze Universum und noch weitere entdeckt werden sollten. Oder doch nur ein Pokerspiel? Sinnlose Gedankensprünge. Es musste mehrere Leben geben, nur daraus nährte sich seine Hoffnung. Für dieses Leben ersehnte er sich nur das Ende. Ein schmerzloses Ende.

Seit drei Wochen hatte er die neue Pflegerin, weil die alte heiraten und umziehen wollte. Knoop hatte sie sehr gemocht, die Neue nicht. Jennrich ähnelte mehr einem Mann, mit dem dunklen Flaum über den Lippen, der schlaksigen Größe, den kurzen graumelierten Haaren und dem herben Gesicht, dessen Haut rötliche Adern durchzogen, die ansonsten aber blaß schimmerte. Beim Lachen riss sie ruckartig den Mund in die Breite und entblößte riesige Zähne und tiefrotes Zahnfleisch. Ihr Mundgeruch war zuweilen unerträglich. Oft grinste sie ohne Grund. Dem Lachen fehlte jede Herzlichkeit. Ihr Ton pendelte sich zwischen Kumpelhaftigheit und Knappheit ein, ein Gespräch konnte er mit ihr selten führen. Oftmals duzte sie ihn frech und schlug ihm dazu mit ihren kräftigen Händen kurz auf die Schulter. Zum Schein lachte Knoop mit. Oft redete sie ihn weder mit dem Nachnamen noch mit dem Vornamen, sondern mit Hey du an. Sie meckerte, schimpfte und beschwerte sich nicht laut, sie stöhnte nur leise eine sonderbar dumpfe Mischung aus Ähr und Öhr. An der Anzahl dieser Laute erkannte er, wie sie gestimmt war. Dieses ausgestossene Öähr traf ihn mehr, als ein offener  Angriff. Sie maulte auch leise vor sich hin, auch wenn er nichts verstand, wusste er, dass sie über ihn sprach und ihrem Ärger Luft machte. Aber sie bedeutete die einzige Verbindung zur Außenwelt, weil die Verwandten ihn selten besuchten.

Knoop versuchte gerade, sie in ein Gespräch zu verwickeln. »Haben Sie schon gesehen, die Kastanie? Ist sie nicht wunderschön. Die Königin unter den Bäumen! Und wir haben etwas gemeinsam. Wir sind beide bewegungslos. Ist der Frühling nicht immer wieder ein einzigartiges Schauspiel? Ist das Wunder des Lebens nicht ein einzigartiges Mysterium?« Sie schaute ihn an, schickte kalte Pfeile aus ihren kühlen, grauen Augen, als wolle sie fragen, wieso ein Mann wie er sich erdreisten könne, vom Wunder des Lebens zu sprechen.

»Ach, die olle Kastanie, das viele Laub jedes Jahr«, meinte sie nur, ohne aufzusehen. Sie schob ihn vom Balkon ins Wohnzimmer, wo sie den Tisch gedeckt hatte.

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Über liKAyo

Mit dem Schreiben begann ich schon sehr früh, die erste Tagebuchseite schrieb ich mit 13, danach mit 18 meine erste Kurzgeschichte über den Tod meiner Großmutter. Material für meinen ersten Roman sammelte ich ebenfalls mit 18, es ging um eine Frauenbeziehung. Das ist allerdings das einzige Projekt, das seither im Keller verstaubt. Meine anderen Projekte sind: weitere Romane, 1 High Fantasy Roman, Beziehungsromane Kurzgeschichten Satiren

Veröffentlicht am Februar 12, 2012 in #SampleSunday und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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